Mentale Blockade

Get the Range ! :o)

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Dobs
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Mentale Blockade

Beitrag von Dobs » Dienstag 24. April 2007, 16:14

Ich hatte am Wochenende ein interessantes Erlebnis. Ich war mit meiner Big Band auf einem Probenwochenende in der Nähe von Hannover um Stücke für einen Wettbewerb einzustudieren, an dem wir in diesem Jahr teilnehmen wollen.

Bei einem der Stücke spiele ich gelegentlich, wenn ich Lust dazu habe, als Schlusston ein schrilles F3. Das ist dort zwar nicht notiert aber passt an der Stelle einfach klasse. Ob ich diesen Schlusston spiele hab' ich immer 2 Takte vorher entschieden.

Diesmal wollte der Dirigent explitit, daß ich am Ende das F3 an die Wand nagele. Ich habe dann über das ganze Stück daran denken müssen, daß der Ton unbedingt kommen muss, mich dann am Ende super verkrampft, das F3 mit letzter Kraft noch gerade so herausgequetscht und dabei den ganzen Druck im Hals aufgebaut, der völlig zu war. Der Ton war absoluter Mist und mir tat alles weh. Absolut schrecklich.

Bei einem zweiten Versuch, von dem wir auch eine DAT Aufnahme gemacht haben, habe ich bewusst an etwas positives gedacht und versucht, mich keinem Leistungsdruck auszusetzen. Vorher habe ich noch ein F2 angespielt, um eine genaue Vorstellung von meinem Zielton zu haben und ansonsten locker zu bleiben. Diesmal stand das F3, klar und strahlend.

Wie sind Eure Erfahrungen mit solchen mentalen Blockaden und wie geht Ihr damit um?
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Beitrag von Puukka » Dienstag 24. April 2007, 16:23

Aber ja doch, gibts auch beim Singen.
Wenn ich vergessen hatte, an den hohen Ton zu denken, bin ich im Nachhinein verwundert draufgekommen, dass er schon vorbei ist und keine Probleme machte.
Wenn so ein Ton kommt und ich vorher daran denke, versuche ich tief zu denken (sowohl bei Gesang und Trompete). Automatisch lässt man lockerer.
Bei einem intervall hinauf denke ich mir einen Intervall hinunter.
Wobei man Das auch trainieren kann bzw. muss.
LG Herbert
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Beitrag von moppes » Dienstag 24. April 2007, 16:25

Ohja, das kenne ich zur Genuege :-)

Meine Gleichung ist ungefaehr so:
- "Du musst" ==> "Du scheiterst"
- "Du darfst" ==> "Du gewinnst"

Mittlerweile kann ich ganz gut tunneln, d.h. mich stoert das Leben um mich rum nicht mehr wirklich - eine Art "Trompete spielen wie im Grossraumbuero arbeiten".

:-)
Peter

P.S.: Dobs, du kriegst noch was von mir, wenn ich endlich gegen den Scanner gewinne ..... immer doof wenn die Produkte des Arbeitgebers nicht so wollen wie ich will ....

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Beitrag von Dobs » Dienstag 24. April 2007, 16:44

Puukka hat geschrieben:Wenn so ein Ton kommt und ich vorher daran denke, versuche ich tief zu denken (sowohl bei Gesang und Trompete). Automatisch lässt man lockerer.
Bei einem intervall hinauf denke ich mir einen Intervall hinunter.
Wobei man Das auch trainieren kann bzw. muss.
LG Herbert
James Morrison hat da auch eine interessante Methode. Er hat uns geraten den den Ton nicht als "hoch" vorzustellen, da er dann automatisch schwer erreichbar wird. Wir sollten stattdessn lieber an die Tasten eines Klaviers denken. Die tiefen Töne liegen links, die hohen rechts.
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Beitrag von Gordon_D5 » Mittwoch 25. April 2007, 09:58

jetzt mal kurz ohne Ironie...
Respekt, dass du dich traust bei einem Wettbewerb zum Schluss ein F zu nageln. Das nenn ich mal "Eier haben". Cool...

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Beitrag von RealC » Mittwoch 25. April 2007, 10:29

das waren ja nur die proben dazu ;)

ob das beim wettbewerb auch klappt, ist noch ne ganz andere sache. habs schon oft genug erlebt, dass soli in den proben gut klappen und wenn´s drauf ankommt, ist es immer schlechter als man es sich vorstellt. da wird die mentale blockade sicherlich schwerer zu überwinden sein.

ich für meinen teil finde es schwierig, unter druck (und da kann einer behaupten was er will - bei einem wettbewerb steht man unter druck) an etwas positives zu denken bzw. sich abzulenken.

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Beitrag von Dobs » Mittwoch 25. April 2007, 13:51

Gordon_D5 hat geschrieben:jetzt mal kurz ohne Ironie...
Respekt, dass du dich traust bei einem Wettbewerb zum Schluss ein F zu nageln. Das nenn ich mal "Eier haben". Cool...
RealC hat natürlich Recht. Das waren nur die Proben dazu. Da braucht man keine "Eier", wenn einem das Gelächter der Kollegen nichts ausmacht... Und ob ich das beim Wettbewerb dann genauso mache, weiss ich jetzt noch nicht.

Ich zwinge mich nicht dazu, das F3 zu spielen. So 2-3 Takte vor Schluss kann ich normalerweise sagen, ob das Ding klappen wird oder nicht. Dann spiel ich es oder lass es eben bleiben. So hat es bei Auftritten bisher immer gut funktioniert.

Das setzt aber eben voraus, daß ich das ganz frei entscheiden kann. Wenn einer sagt, das F3 muss jetzt kommen dann bricht der Schweiß aus und der Hals macht dicht... Das ist wohl eines von den vielen Dingen, die einen Profi von einem Amateur unterscheiden.
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Beitrag von Helge » Mittwoch 25. April 2007, 14:08

Das ist mir auch durchaus bekannt. Je länger ich Zeit habe mich auf den Ton vorzubereiten, desto eher scheitere ich daran, da unterbewusst die eigene Erwartung herrscht:

DEN musst du gleich treffen! Und er ist verdammt hoch!!!

Da kann ich ziemlich pauschal sagen, dass das nichts wird. Wenn ich dagegen aus dem Lauf heraus spiele oder keine Zeit zum nachdenken ist, dann sitzt er 100%ig.


Viel Erfolg übrigens beim Nds. Orchesterwettbewerb!
Habe schon gesehen, das die Hälfte der Bands aus der Gegend um Hannover ist. Könnte ein echtes Derby werden ;-)
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Beitrag von Dobs » Mittwoch 25. April 2007, 14:54

Helge hat geschrieben:Viel Erfolg übrigens beim Nds. Orchesterwettbewerb!
Habe schon gesehen, das die Hälfte der Bands aus der Gegend um Hannover ist. Könnte ein echtes Derby werden ;-)
Hast Du schon eine Liste der Teilnehmer gesehen? Ich bin einfach mal neugiereig darauf, wie Dritte das Niveau unserer Band beurteilen. Wer dann den Wettbewerb 'gewinnt', ist dann für mich zweitrangig. Ich möchte einfach schöne Musik machen. Aber mit dem Derby könntest Du Recht haben. Ich nehme an, in der Kategorie Jazzorchester werden wieder die üblichen Verdächtigen mitmischen, allen voran und als härtester Wettbewerber die Labiba Big Band.
keep blowing hat geschrieben:@dobs
Fehler passieren nur im kopf, wenn du das f''' spielen kannst dann mach es einfach! du kannst es! denk nicht: "das ist hoch", hol tief luft und lass sie raus.
Ja, so ist das.... Theoretisch... Dieses Erlebnis hat jedenfalls gezeigt, daß Fehler tatsächlich zuerst im Kopf passieren. Ich werd mir die Aufnahme jetzt ein paar mal reinziehen, vielleicht macht das etwas lockerer.
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Beitrag von Schlaui » Mittwoch 25. April 2007, 15:27

Ich wünschte sehr, ich wäre von meinem f''' nur durch eine mentale Blockade getrennt. Leider liegt stattdessen eine Quinte zwischen uns. :|

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Beitrag von Abri » Mittwoch 25. April 2007, 15:49

Hallo Kai!

Hast Du Kontakt zu "Klassikern"? Versuch mal, Dir die Zeitschrift "Das Orchester", Ausgabe März 2007 zu besorgen. Den Artikel "Von der Selbstentwertung zur Selbstachtung" kann ich nur wärmstens empfehlen zum Thema Kopfarbeit, Selbstreflexion etc.
Vielleicht kann Dir Schmorl & Seefeld weiterhelfen.
Wirklich sehr aufschlussreich!

Gruss Ansgar
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Beitrag von bazo » Mittwoch 25. April 2007, 17:57

Online gibts den wahrscheinlich nicht oder?
Fachzeitschrift? Worum gings so grob?

Danke
Fluck

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Beitrag von Abri » Mittwoch 25. April 2007, 21:16

In dem Artikel geht es um mentales und emotionales Managemant für Musiker, sowohl im Allgemeinen als auch in Bühnensituationen.
Das Hauptproblem ist in der Regel. dass das, was man tun möchte, nämlich schön spielen, nicht mit dem übereinstimmt, was man im Kopf hat, nämlich Angst, Selbstzweifel bis hin zur Selbstentwertung. Denken, Fühlen und Handeln sind nicht im Einklang, wie es so schön heisst.
Und das geht natürlich nicht gut zusammen. Aber wer kennt das nicht!
Fragt sich, woher das kommt und wie mans wegkriegt.

Schönes Beispiel ist dieser Satz von Kai:
ch habe dann über das ganze Stück daran denken müssen, daß der Ton unbedingt kommen muss, mich dann am Ende super verkrampft, das F3 mit letzter Kraft noch gerade so herausgequetscht.....
klassischer Fall von fehlerorientiertem Denken.
Das ist unter Musikern dermaßen Verbreitet und teilweise so extrem, dass man schon von "Fehlerphobie" sprechen kann. Daran sind Lehrer nicht ganz unschuld.
Dummerweise führt mangelnde Fehlerfreundlichkeit dazu, dass man mehr Fehler macht. Der Körper verkrampft und der Kopf übt die Losung ein: wenn Du jetzt abloost bist Du schlecht. Das wird dann wiederrum ein Selbstläufer und führt dazu, dass man nur im negativen Sinne dazulernt und sein Selbstwertgefühl schwächt.
Interessant ist, dass jedem Musiker ziemlich schnell Dinge einfallen, die sie (noch) nicht können, ihnen jedoch die Worte fehlen, wenn sie sagen beschreiben sollen, was an ihrem Spiel gut ist oder zumindest so bleiben soll. Ausserdem gibt es die Neigung neben seinen eigenen Schwächen bei anderen vor allen deren Stärken zu sehen - was alles wieder zur Schwächung des Selbstwerts und somit zu einer schlechten Bühnenperformance führt.

Sehr wichtig ist also, seine Schwächen akzeptier lernen und gleichzeitig sene Stärken wahrzunehmen.
Eine gute Übung dazu hat Kai selbst kürzlich gepostet: nämlich sich mental Situationen durchzuspielen, die optimal verlaufen. Immer wieder. Das Gehirn unterscheidet nämlich nicht sehr stark zwischen Realität und Einbildung und so kann man sein Gehirn mit positiven Eindrücken konditionieren.

So, dass war jetzt ein kurzer Review auf die schnelle runtergehackt. Wers genauer möchte besorgt sich folgendes Heft:

http://www.schott-music.com/shop/show,228679,s.html
The Trumpet shall sound!

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Beitrag von Jan » Donnerstag 26. April 2007, 09:07

Ich hatte auch mal so ein Erlebnis ... Drei Monate haben wir uns mit der Band auf den großen Auftritt mit Uwe Kröger vorbereitet und in den letzten Proben hat auch immer alles geklappt. Dann kam der Soundcheck und ... ich traf nicht einen geraden Ton :? "Hey - 3 Monate klappte das und nun?" Resignation machte sich breit ... "Ach sch*** drauf ..." Und siehe da, im zweiten Durchgang klappte wieder alles.
Also: 150% sind mindestens 50% zu viel :wink:

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Beitrag von Hochwälder » Donnerstag 26. April 2007, 10:30

Super Beispiel, finde die Beiträge von Dobs und Abri super.

Ich hielt es bislang kaum für möglich, dass Erfolg oder Misserfolg beim Trompete spielen so sehr Kopfsache ist.

Aber wer kennt es nicht:

Das wichtigste Konzert des Jahres,
heute bin ich mal nicht so nervös (ich kann das Ding fast auswendig)
Huch, ich bin ja gleich dran (noch ein Stück)
Hände werden nass,
Herz fängt an zu pumpen,
Mund wird trocken,
und da sitzt auch noch der Trompeter vom Nachbarverein, der auf deinen Patzer nur wartet,
ich bin dran,
fang auch noch an zu zittern,
das mit dem schön vorgetragenen Solo hat sich dann somit erledigt,
bin nur noch froh, wenn’s vorbei ist.


Ich bin heute, Gott sei Dank, bei Auftritten wesentlich ruhiger geworden, weil ich zum Einen versuche das Umfeld (Zuhörer) weniger wahrzunehmen, und zum Andreren das alles nicht mehr so verbissen ernst sehe. Bin auch nicht mehr so selbstkritisch, war mit meinen Leistungen, trotz Lob der Zuhörer oder Kollegen, meistens nicht zufrieden.
Frei von Ängsten und Blockaden bin ich nach 25 Jahren Amateurbühne jedoch immer noch nicht.

Werde mich mehr mit dieser Thematik beschäftigen.

@Dobs
entscheide dich nicht 2 Takte vorher ob Du F3 spielst (F3 ist jetzt Standard für dich).
entscheide dich 2 Takte vorher ob Du es nicht spielst (die Ausnahme).
vielleicht hilfts ja, viel Erfolg :)
Wer nie vom Weg abkommt, der bleibt auf der Strecke.
Volksmund

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